Montag, 29. März 2010

Semana 6: Tortilla Española

Lamentablemente gibt es keine Fotos diese Woche - stattdessen will ich versuchen, gustatorische Eindrücke zu vermitteln, da die letzten Tage hauptsächlich kulinarisch interessant waren :) Als da wäre die spanische Tortilla, deren Herstellung ich beiwohnen konnte: Nachdem ich zunächst Wasser für die Kartoffeln aufgesetzt hatte, wurde ich sogleich von meinem spanischen Kommilitonen zurechtgewiesen - die Patatas werden nicht in Wasser gegart, sondern in Olivenöl, und dessen in großen Mengen. Das wird nachher abgegossen und über die Kartoffeln kommen verquirlte Eier. Das Resultat sind eine mittelgroße Schweinerei in der Küche und ein leckeres (ovo-)vegetarisches Schmankerl auf dem Teller.

Weiterhin habe ich meine bei weitem unübertroffene Lieblingslokalität entdeckt: das El Piano in der Calle Gran Capitan, das neben LOHAS-Produkten auch ökologisch korrekte Speisen zum Mitnehmen in einer Palmenblattschale anbietet. Soweit habe ich probiert: bunten Salat mit Orangensalsa, Falafel mit Knoblauchsoße, mexikanische Bolas unbekannter, aber leckerer Füllung und gelbes Maismehl-Polenta-Etwas mit Gemüse. Dazu Wellnessdrinks in Glasflaschen mit Kräutern deren Namen ich nicht kenne. Mariposa!

Und dann natürlich der Tee. Meine zweitliebste Straße ist die Carcél Caldeira Nueva, die ins Albaicin hinaufführt und zahlreiche Teterías beherbergt. Ich trinke dort regelmäßig Té Pakistani, Schwarztee mit Zimt, Nelken, Kardamom und Milch, sobresaliente. Die herausragendste Teestube findet sich aber dort, wo die Stadt aufhört und das Niemandsland anfängt (oder, wie Val del Omar sagen würde, dessen Gedichten ich kürzlich begegnet bin: en la eterna frontera de la noche a la mañana - el lugar del encuentro con la piedra con el agua...)

Läuft man am Albaicín vorbei weiter ins Tal des Río Darro und steigt man dort den Sacromonte hinauf, findet man zunächst die Behausungen von Gitanos (Zigeunern), Streunerkatzen, illegalen Einwanderern und Aussteigern - teils ordentliche weißgetünchte Häuser mit Dachterasse, teils nur eine mit wenigen Ziegelsteinen ausgekleidete Höhle im Berg, oder auch nur ein Sofa unter freiem Himmel. Wenn man auch diese hinter sich lässt, die über allem thronende Kapelle San Miguel erreicht und ein Pinienwäldchen passiert, trifft man nicht nur auf eine atemberaubende Aussicht auf die Sierra, sondern auch auf besagte Tetería. Der Tee kostet hier 70 Cent, man sitzt auf wild zusammengewürfelten niedrigen Stühlen zwischen witzigen Artesania-Skulpturen, die stark an Beschreibungen aus dem Hitchhiker's Guide erinnern und im Hintergrund spielt ein langhaariger Latschenträger Bouzouki, ein mandolinenartiges Saiteninstrument mit melancholisch-anmutigem Klang... ich mag Granada.

Montag, 22. März 2010

Semana 5: íHola Primavera!




Ich könnte diese Woche von der Sonne schreiben, von Frühling und Kirschblüten, von der Schönheit des Albaicíns und von Tapas, von meinen Fortschritten im Sprechen und Verstehen, aber ich will mich auch nicht ständig wiederholen :) Sollen die Bilder davon sprechen: endlich - ein Alhambrafoto mit Bergen im Hintergrund, ein Blütengeschmücktes Portal nahe des Miradors San Nicolas und eine Aussicht, die sich auf unserem Bergspaziergang am Wochenende bot. Andere Leute hätten das mit anderem Equipment vermutlich besser einfangen können, aber ich versichere, dass es atemberaubend schön war.

Meine erste Wanderung begann in Monachil, etwa eine halbe Busstunde von Granada entfernt, und war schonmal estupendo. Nicht dass wir uns wahnsinnig verausgabt hätten - am Tag zuvor hatte die "Fiesta de Primavera" gewütet - aber selbst die 3 Stunden Weg waren schon überaus abwechslungsreich: von Schluchten mit Wildbächen und wackeligen Hängebrücken und Felsüberhängen über dem Weg, die uns auf alle Viere zwangen, durch karge Steinwüsten mit niedrigem Macchiabewuchs und herrlicher Kräuterfauna durch einen weiten Olivenhain, der gerade im Begriff war, von einer enormen Ziegenherde (bewacht von einem echten cabrero - olé!) verspeist zu werden, war alles dabei. Herrlich. 

Außerdem hatte ich meine erste Flamenco-Tanzstunde. Oder besser gesagt, Sevillanas, da gibt es offenbar einen Unterschied, der sich meinem Laienauge allerdings nicht erschließt. War höchst chaotisch und ich kann nicht behaupten, die Essenz dieses Tanzes erfasst zu haben... hingegen freunde ich mich mehr und mehr mit der Flamencomusik an. In einer Session vor der Fakultät am Dienstag (irgendwer hat immer eine Gitarre dabei) habe ich gelernt, "Volando voy" zu singen; zumindest den Text, an spanischer "Intonation" und Lautstärke beim Singen muss ich noch arbeiten... das hat nämlich nichts mit meiner klassischen Ausbildung zu tun :D

Eine traurige Erkenntnis hatte ich am Mittwoch, als ich das "Centro de Educación Ambiental" besuchen wollte, um mich über Ökoarbeit und Partizipationsmöglichkeiten zu informieren - nur um zu erfahren, dass das Zentrum geschlossen ist. Por crisis. Um den Frust zu bewältigen, musste ich erstmal einen langen Spaziergang unternehmen - für gewöhnlich bereitet es mir große Freude, mich im Albaicín zu verlaufen. Meine Meditationen dabei ließen mich allerdings auch nicht verstehen, warum por crisis nicht zuerst die Trashdiscos oder das Botellóndromo geschlossen werden. Dazu die passende Vokabel: suspirar - seufzen.

Dienstag, 16. März 2010

Semana 4: Coger color y ponerse moreno




Juhu, ich kann Bilder hochladen! Von oben nach unten: Blick aus meinem Fenster auf schönes Wetter, einer der viel besungenen Orangenbäume und Kati nebst dem Eingang ihres Wunschdomizils im Albaicín.

La leche... Und schon ist ein Monat vorbei, die Zeit vergeht im Fluge.

So langsam kehren Normalität und Routine ein, alles ist schon nur noch halb so aufregend. Auch, weil ohnehin alles gut läuft, weil es hier in Spanien einfach keine Probleme gibt, es decir, dass nichts zum Problem gemacht wird. Die vergangene Woche hat mir vor allem eine Lektion im spanischen Lebensstil erteilt, en particular, la Siesta. Man verbringt sie, jetzt wo es tagsüber schon warm wird, auf den sonnigen Stufen vor der Fakultät. Da das alle tun, die noch auf abendliche clases warten, ist das eine gesellige Angelegenheit. Und verführt schwer al non-trabajar.

Darum bin ich auch in eine besonders schwere spanische Prokrastination verfallen, wodurch sich das Schreiben meiner letzten Hausarbeit für das vergangene Semester über die ganze Woche hingezogen hat wie zäher Kaugummi. Bloß dass man davon keinen frischen Atem bekommt, sondern vielmehr ein faulig schlechtes Gewissen. Ojalá gibt sich das daheim wieder. Immerhin gibt es da kein Albaicín, keine Tapas, und nicht jeden Abend irgendeine Soße, zu der man hingehen könnte, das lässt schommal hoffen.

Niccolo durfte entretanto auch schon ans Licht. Mit Pablo, dem Pianisten hat, er ein bisschen Piazzolla gespielt, mit Gabri stümperhaft zur Gitarre improvisiert und in der Wohnung ein wenig mit Glasounov geübt, als die Jungs außer Haus waren, es ist hier einfach wahnsinnig hellhörig. Er macht das ganz fein, aber ein wenig bin ich meiner Fingerfertigkeit doch verlustig gegangen.

íViva el Genitiv! - beim Tandemsprechen lern ich ganz nebenbei ziemlich chulo Sachen über meine Muttersprache. Nie hätte ich gedacht, dass es más o menos 50 Präpositionen gibt, die den Genitiv verlangen!
Nachdem das Sprechen inzwischen kaum mehr Probleme darstellt, übe ich jetzt vor allem Hörverstehen, denn die Spanier im Bus, entre ellos, und einige Profesores reden immer noch in Zungen für mich. Hab mir massenhaft Musik von Ska P und Enrique Morente, dem großen canta'or de Flamenco geben lassen und mir vorgenommen, ein Gedicht von García Lorca zu analysieren, dass Morente mit Largatija Nick, einer hier weithin bekannten Rockgruppe vertont hat.

Largatija bedeutet übrigens Eidechse, que me encanta, und von diesen hab ich auch schon zwei gesehen. Es wird Frühling!

Samstag, 6. März 2010

Semana 3: Maldiciones vs. Mariposas

Harry Potter und ich arbeiten fleißig an meinem Vokabular, und es macht mir große Freude, Wörter wie "no obstante" oder "vicio" in meine Alltagskommunikation einzuflechten, bunt gemischt mit "mear" oder "maripolla" (eigentlich "mariposa" - nur kann ich mir das nicht merken; sehr zur Belustigung meiner Gesprächspartner - "polla" bedeutet was ganz 

Unanständiges :). Unterstützung bekomme ich dabei von Gabri, einem überaus sprachbewussten Kommilitonen, der geradezu in Verzückung geriet über meinen kühnen Wunsch, demnächst mal die Lektüre des Don Quijote zu versuchen. Unterdessen fallen mir immer wieder Unzulänglichkeiten beider Sprachen auf. So gibt es im Spanischen beispielsweise weder einen vernünftigen Ausdruck für "sich auf etwas freuen", noch wird unterschieden zwischen "Wissen" und "Erkenntnis. Dafür differenziert es im Gegensatz zum Deutschen mindestens 4 Bedeutungen von streng und kennt ebensoviele verschiedene Wörter für Eimer :)

Obwohl ich mich mit geduldigen Spaniern und anderen Austauschstudenten inzwischen problemlos unterhalten und - unter Zuhilfenahme oftmals waghalsiger Umschreibungen - einigermaßen profunde Gespräche führen kann, habe ich in einigen Vorlesungen doch noch Probleme mit dem Verständnis. Die rasante Sprechweise machen die Dozenten allerdings mit überschwallender Freundlichkeit wett, so dass ich durchaus Hoffnung habe, dass ich hier auch akademisch was reißen kann.

Mein Lieblingstag diese Woche war der Donnerstag. Da wurden 300 eigentlich für Studiengebühren eingeplante Euros frei, die ich jetzt aber doch nicht entrichten muss. Das eröffnet ganz neue Perspektiven auf  Skifahren, Reisen und das Verspeisen großer Mengen von Tapas... Dann kamen die Ergebnisse vom Einstufungstest für den Sprachkurs: Nivel 8 von 9, "Superior". Und schließlich habe ich erfahren, dass ich sehr kurzfristig einen Platz für einen Tagesausflug nach Córdoba bekommen habe - sehr schön, die Mezquita monumental und nach Abzug des Regens insgesamt ein schöner Trip.

Auch in Granada habe ich derweil weitere Orte erkundet: das Kino, eine ganze Straße voller gemütlicher, arabisch dekorierter Teterías, den  Ramschmarkt (schwere Versuchung für Konsummoral und Gewissen), zwei urgemütliche Jazzclubs und eine Bar mit Flamencospektakel sowie das Botellóndromo, wo die granadinische Jugend des nachts zum Saufgelage unter freiem Himmel zusammenkommt; psychologisch wie  soziologisch hochinteressant. 

Ein wenig fehlt mir bisher dieUmweltarbeit, und es juckt oft in meinen Fingern und die Jatropha-Samen in meiner Jackentasche schreien nach etwas Guerilla Gardening. Es gibt hier zwar Mülltrennung, relativ viel Grün und gelegentlich Ökopapier, aber die Straßen sind einigermaßen dreckig, der Verkehr ist dicht, laut und stinkig, alles wird ungefragt in Plastiktüten  gesteckt, aus den Wasserhähnen kommt Chlorbrühe und Trinkwasser gibt es nur im Kunststoffbehälter. Hier hilft kein "No te preocupes", in solchen Dingen sind wir daheim schon etwas weiter. Obwohl die spanische Unbeschwertheit schon etwas für sich hat. Und auch in Sachen Offenheit und Lebhaftigkeit noch dazulernen. Alles nicht so einfach... ich werde weiter darüber nachdenken.

Montag, 1. März 2010

Semana 2: No te preocupes.

Resumée der ersten Uniwoche. Der erste 
Kurs, den ich mir ausgesucht hatte, war 
gleich mal ziemlich desaströs. Die 
Dozentin sprach leise, schnell und
andalusisch, ich konnte lediglich hier und 
da ein Wort aufschnappen, aus dem ich 
erahnen konnte, dass der Kurs inhaltlich 
doch nicht so spannend war, wie ich mir 
das vorgestellt hatte. Wurde also gleich 
vom Stundenplan gekickt. Aufkeimende 
Bedenken, dass ich mit der Sprache im 
Unialltag doch nicht so zurecht komme, 
wurden von den anderen mit dem 
allgegenwärtigen "no te preocupes" 
abgetan. Mach dir keine Sorgen - eine sehr 
wichtige Vokabel. Andere Kurse waren auch 
durchaus verständlicher, einige Profs 
arbeiten mit Powerpoint, das in meinem 
Falle tatsächlich unterstützend wirkt. Und 
schon am dritten Unitag verstand ich bei 
einigen Dozenten schon nahezu jedes Wort. 

Auch meine Akkomodation an den spanischen 

Alltag schreitet voran. Meine Kurse liegen 
praktischerweise alle im Zeitraum von 12 
bis 21 Uhr, so dass man bequem das 
Frühstück auf den Vormittag legen, gegen 
16 Uhr ein Bocadillo verspeisen und nach 
der Uni richtig kochen oder zum Tapasessen 
ausgehen kann. Das ganze wird abgerundet 
mit dem ständigen Verzehr von "Rebuenas", 
den hiesigen Doppelkeksen, die fast besser 
schmecken als Prinzenrolle, und das will 
schon was heißen.

Und auch diese Woche habe ich wieder eine 

Menge neuer Bekanntschaften gemacht, 
schließlich gibt es auch an der 
Psychologiefakultät massenhaft 
Austauschstudenten, die sich meistens auf 
der Aussichtsterasse der Cafetería 
aufhalten, und mit denen man leicht ins 
Gespräch kommt. Wir waren dann auch gleich 
wieder Salsatanzen in einer unglaublich 
stilvollen Salsabar, spazieren im Albaicín 
(wo ich die Ecotienda gefunden habe - 
leider während der Siesta) und auf der 
Alhambra; auf mehreren Erasmusparties 
(unter anderem in einer sehr hübschen, 
musikalisch allerdings fragwürdigen 
Panoramadisko), in einem Underground-
Rockschuppen und auf einer Hippiefete mit 
Gitarrenmusik und Freistilflamenco. Das 
Nachtleben ist wirklich sehr vielseitig. 
Selbst wenn man sich auf Tapasessen 
beschränkte, so würde doch vermutlich mein 
Aufenthalt hier nicht ausreichen, um alle Tapasbars 
einmal auszuprobieren.

Unterdessen habe ich dann auch nach Elenas 

Abreise mein Zimmer hier bezogen, mich mit 
dem Warmwassersystem und dem Gasherd 
vertraut gemacht, eine Kakerlake aus dem 
Fenster befördert und gelernt, was 
Stromausfall heißt (apagón). "No te 
preocupes" ist auch hier die Devise...